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NRW: »Ich heiße Joachim – und ihr?«

Mit großen Augen blickt das kleine Mädchen den ungewöhnlichen Besucher in der Kita Haldem an. »Wer bist du denn?«, fragt der Anzugträger die Kleine, als er sich spontan zu ihr auf den mit Spielsachen bedeckten Boden hockt. »Also, ich bin der Joachim . . .« »Der Joachim«, das war kein Geringerer als Dr. Joachim Stamp, der neue NRW-Minister für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration.

Der gelernte Politikwissenschaftler, Vater zweier Töchter, ist zudem stellvertretender Ministerpräsident. Der Gast aus Düsseldorf war auf Einladung seines früheren FDP-Landtagsfraktionskollegen und heutigen Stemweder Bürgermeisters Kai Abruszat in die DRK-Kindertagesstätte Heidemaus gekommen. Stamp ließ sich von Kita-Leiterin Christina Frobieter über die Einrichtung informieren. 53 Jungen und Mädchen werden hier betreut, außerdem vier Kinder im Zuge der sozialpädagogischen Schulkind- und Familienhilfe des Kreises (»soshi«). Kurt Bergatt schildert die Misere Joachim Stamp war genau zum Beginn des neuen Kindergarten-Jahres nach Haldem gekommen. Sein Besuch hatte – neben all den schönen Begegnungen mit den Kleinen – auch einen ernsten Hintergrund.

Stemwedes DRK-Vorsitzender Kurt Bergatt, zugleich stellvertretender DRK-Kreisvorsitzender, machte auf eine Misere aufmerksam. Das DRK – und auch andere Kita-Träger – sind in großer Sorge, weil sie aufgrund der derzeitigen Gesetzeslage (»KiBiz«) absolut nicht mehr mit der gewährten Finanzierung der von ihnen betriebenen Kita-Gruppen auskommen. »Wir müssen bis zu 5000 Euro pro Gruppe und Jahr zuschießen. Wegen unserer DRK-Kitas im Altkreis Lübbecke hatten wir Minusbeträge zu verkraften, die uns an anderer Stelle schmerzlich fehlen«. sagte der DRK-Vorsitzende. Im Kindergartenjahr 2013 bis 2014 betrug das Minus 97 000 Euro, in den Folgejahren jeweils 95 000 und 352 000 Euro und aktuell für das gerade abgeschlossene Jahr 200 000 Euro. Kinderarbeit langfristig ohne mehr Geld nicht finanzierbar Die Kita-Finanzierung in NRW sei über das KiBiz-Gesetz mittels festgelegter Betriebskostenpauschalen pro Kind erfolgt, sagte Bergatt dieser Zeitung. »Die Betriebskostenpauschalen unterlagen seit Einführung des Gesetzes einer jährlichen Anpassung von 1,5 Prozent. Seit August 2016 wurde diese auf massiven Druck der Kita-Träger auf 3 Prozent angepasst. Zusätzlich beschloss der Gesetzgeber eine zusätzliche Überbrückungsfinanzierung. »Doch langfristig ist die Kindergarten-Arbeit damit nicht auskömmlich finanziert«, warnte Bergatt. Er fand gestern in Haldem mit seiner Forderung nach mehr Geld für die Träger auch Unterstützung bei Kai Abruszat.

Träger-Rettungspaket wird geschnürt Joachim Stamp erklärte, die neue Landesregierung wolle nach Möglichkeit noch in diesem Jahr ein »Träger-Rettungspaket« auf den Weg bringen. Sein Ministerium arbeite daran mit Hochdruck, damit die Gelder so schnell wie möglich fließen könnten. Ab 2018 müsse dann das strukturelle Defizit grundsätzlich geregelt werden. »Wir müssen die Unterfinanzierung der Kitas in den Griff bekommen, sonst werfen die Träger ihre Einrichtungen den Kommunen vor die Füße. Es wäre aber unredlich, wenn ich regelrechte Wundertaten versprechen würde«, sagte der Minister. »Ziel ist es dennoch, ein breites Träger-Angebot zu erhalten.« Sein Ministerium wolle sich auch dem Thema » Qualifizierung der Kitas« widmen, beispielsweise bei der Sprachförderung. Es sei zudem zu überlegen, ob Kitas in die Lage versetzt werden könnten, bei den Betreuungszeiten noch flexibler zu werden – im Interesse berufstätiger Eltern. Die Ausführungen des Ministers verfolgten auch Vertreter der Stemweder Ratsfraktionen mit Interesse. Frank Schröder (CDU), Marco Quebe (FDP), Andrea Herrmann (Grüne) und Jürgen Lückermann (FWG) waren nach Haldem gekommen.

Quelle: Westfalen-Blatt, Autor: Dieter Wehbrink , 02.08.2017

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